Bonn. Auf der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland in Bonn stellt Präses Dr. Thorsten Latzel in seinem „Bericht über die für die Kirche bedeutsamen Ereignisse“ an die Synodalen gesellschaftliche Veränderungen in den Kontext kirchenhistorisch relevanter Epochenumbrüche, darunter die Antwort der Bekennenden Kirche in der Barmer Theologischen Erklärung auf den nationalsozialistischen Terror. „In Zeiten großer Umbrüche entdeckt Kirche sich neu und trägt zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen bei, indem sie sich an Jesus Christus orientiert. Solus Christus – Christus allein.“
In sieben Impulsen führt Präses Latzel aus, warum eine neue Orientierung an Christus mehr denn je gefragt ist, damit die Kirche sich gegenüber den Herausforderungen der Zeit behaupten und ihrem Auftrag nachkommen kann.
Schöpfungszeit für eine neue Spiritualität
Auch wenn die Bewahrung der Schöpfung, von Ökologie, Klima und Arten, politisch derzeit in den Hintergrund rückt, ist sie für den Präses eine der zentralen Herausforderungen der Menschheit. Sie lasse sich nicht allein durch Technik und Moral beantworten. „Wir brauchen ein fundamental anderes Selbstverständnis. Eine neue Schöpfungs-Spiritualität.“ Dabei könne die ökumenische Schöpfungszeit vom 1. September bis zum Erntedankfest eine wichtige Rolle spielen: „So wie bei der Fastenzeit brauchen wir eine Zeit geistlicher Umkehr im Blick auf die Schöpfung: Wofür lebe ich? Was brauche ich wirklich? Was ist mein ökologischer Handabdruck? Das heißt: Was hinterlasse ich Positives?“
Verwandlungskraft
Der Präses betont die Notwendigkeit eines neuen Lebensstils: Gemeinschaft wider die wuchernde Einsamkeit, Gerechtigkeit im Kampf gegen die noch immer zu große Armut in der Gesellschaft. Aber auch die Zuwendung zu Körper, Leib und Seele im diakonischen Verständnis: „Diakonie steht für eine heilvolle Verwandlung von Krankheit, Sucht und Problemen. Die diakonische Dimension spielt für uns als kleiner werdende Kirche eine zentrale Rolle.“ Die innere Kraft zur Verwandlung komme aus Begegnung – mit Gott und sich selbst. Ganz wesentlich zählt für den Präses die Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens zur Basis christlicher Existenz: „Wir leben als dankbar Beschenkte, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.“
Vertrauensgemeinschaft
„Vertrauensverlust ist eine der größten Herausforderungen für die liberale Demokratie“, so Präses Latzel. „Anders als andere Staatsformen lebt sie fundamental vom wechselseitigen Vertrauen – der Bürger/innen in den Staat, des Staats in die Bürger/innen und der Bürger/innen untereinander. Doch genau daran krankt es.“ Für die Vertrauenskrise und Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und Systems gebe es verschiedene Ursachen. Wichtig sei, was die Kirche diesem Prozess entgegensetzen könne: „Das Wesen der Kirche besteht darin, eine in Christus gründende Vertrauensgemeinschaft zu sein.“ Augenfällig werde dies im hohen sozialen Engagement von Kirchenmitgliedern – über die Kirche hinaus. Umso wichtiger sei es, Vertrauen zu schützen. Im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt im kirchlichen Kontext sei in der Vergangenheit Vertrauen massiv missbraucht und zerstört worden. „Prävention, Intervention und Aufarbeitung haben bei der Evangelischen Kirche im Rheinland daher allerhöchste Priorität.“ Vertrauen bedeute zugleich, den weltweiten, ökumenischen Dialog zu stärken und Menschen über Grenzen hinweg zu begegnen. Mit ihrem breiten ökumenischen Netzwerk und großen Engagement beziehe die Evangelische Kirche im Rheinland damit klar Position gegen jede Form von Nationalismus, sagt der Präses.
Feindesliebe
Angesichts der verschärften Sicherheitslage und der neuen Wirklichkeit des Krieges tritt Präses Latzel für einen verantwortungsethischen Realismus, Widerstand gegen die Willkür von Großmächten und zugleich eine neue Friedensfähigkeit ein. „Wir müssen Entfeindung lernen.“ Mit den weltweit gigantischen Rüstungsausgaben steuere die Menschheit komplett in die falsche Richtung. Das Geld fehle im Kampf gegen Armut und Klimawandel. Zum friedensethischen Engagement gehöre auch, dass sich die Kirche bei der Wehrpflichtdebatte aktiv einbringe, alternative Dienste stärke und junge Menschen in ihren Gewissensentscheidungen seelsorglich beratend begleite. „Gewissen braucht Begleitung.“ Zudem habe Kirche eine wichtige Aufgabe im Rahmen von Zivilschutz und Seelsorge bei Katastrophen verschiedener Art. Entscheidend bei all dem sei eine grundlegende Einstellung im Sinn einer „Diskursivität der Feindesliebe. Die Haltung, im anderen immer mehr als einen Feind zu sehen.“
Glaubensfreiheit
Religion ist nach Latzel insgesamt herausgefordert durch Säkularisierung einerseits und politische Instrumentalisierung andererseits. Säkularisierung wirke oft wie die Schwerkraft – ein weltweiter Prozess, dem sich Religion scheinbar kaum entziehen könne. Es gebe vielfach eine neue Indifferenz gegenüber Religion und Kirche, die Frage nach Gott stelle sich für viele nicht mehr, auch nicht in der modifizierten Form der Sinnfrage. Man könne auch ohne Gott ein glückliches, gesundes, moralisches Leben führen. Die täglichen Nachrichten zeigten aber: „Die Welt ist überfordert mit sich – weil sie eben oft nichts als sich mehr kennt.“ Dabei brauche es eine deutliche Differenzierung von Religion und Gott: „Religion mag nicht notwendig sein. Aber Gott ist es. Als die eine, allumfassende schöpferische Liebe.“ Es brauche „theologische Diaspora-Fähigkeit: Die Wahrheit des Evangeliums hängt nicht an der Menge der Kirchenmitglieder. Wichtig ist, ob wir selbst aus Gott leben.“ Zudem seien geistlich-theologische Aufbrüche entscheidend. Die Institution Kirche habe die Aufgabe, „solchen Aufbrüchen Raum zu geben und sie zu stärken“. Eine andere Herausforderung sei die Instrumentalisierung von Religion, die sich an verschiedenen Stellen weltweit zeige – etwa bei Islamisten, der Legitimierung des Ukraine-Krieges durch die Leitung der russisch-orthodoxen Kirche oder bei den Evangelikalen in den USA, die Trump als messianische Figur feiern und seine Großmachtpolitik stützen. Präses Latzel widerspricht scharf diesem Missbrauch von Religion, ebenso der Rede von einem Recht des Stärkeren. Seine klare Haltung: „Imperialismus wie Nationalismus lassen sich nicht christlich rechtfertigen. Sie sind schlicht ein Ausdruck menschlicher Gier, sprich: Sünde.“
Zukunftsmut
„Unser Gemeinwesen ist auf Hoffnung angelegt“, so ein für Latzel entscheidender Leitgedanke. Zukunftsmut und Hoffnung gehe beispielsweise vom Deutschen Evangelischen Kirchentag 2027 in Düsseldorf aus. Für diesen gilt das Motto „Du bist kostbar“. „Der Satz, ursprünglich eine Heilszusage Gottes für das Volk Israel, gewinnt in unserer Zeit neue Bedeutung – dafür, wie wir miteinander umgehen. Mit Menschen am Rande wie mit Menschen anderer Meinung.“ Zukunftsmut werde auch bei den notwendigen Reformprozessen in der Kirche gelebt und begegne einem vielfältig in den Gemeinden und Kirchenkreisen bei der Entwicklung hin zu einer kleineren Kirche, die weiter für andere da ist. Das schließe auch schmerzhafte Abschiede von Wichtigem und Wertvollem ein, etwa im Finanzprozess der Landeskirche. Entscheidend sei jedoch, „dass Menschen uns als relevant für ihr Leben erfahren, dass sie Trost, Hilfe erfahren, dass wir Hoffnung vermitteln“. Leitlinie für die anstehenden Überlegungen sei daher: „An der Sache Christi – nahe bei den Menschen – flexibel in den Formen – effizient im Einsatz der Ressourcen.“
Menschwerdung
„Warum wurde Gott Mensch? Damit wir es – um der gesamten Schöpfung willen – auch tun. Mach’s wie Gott. Werde Mensch.“ Die Menschwerdung Gottes sei zentraler Inhalt des Glaubens. Sie sei, so der Präses, eine Aufforderung an alle, zu der uns Christus befähige. „Gott wird Mensch, damit wir das mit unserem Menschsein auf die Reihe bekommen.“ In der Menschwerdung zeige sich das wahre Wesen Gottes als sich selbst hingebende, allumfassende Liebe. Das widerspreche zutiefst der menschlichen Selbstüberhebung, sich für die Mitte des Universums zu halten – und der Haltung der Augustusse, Herodes‘, Trumps oder Putins aller Zeiten. „Gerade in Zeiten des Umbruchs, in der die Maßstäbe der Menschlichkeit verschwimmen, ist es wichtig, daran zu erinnern: durch geistliche Schöpfungszeit, heilsame Verwandlungskraft, vitale Vertrauensgemeinschaften, praktizierte Feindesliebe, wahrhafte Glaubensfreiheit, trotzig getrosten Zukunftsmut. So, wie es die 2025 verstorbene Margot Friedländer ausgedrückt hat: ,Seid Menschen!‘“